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Tamara Rettenmund

49 Jahre, Tänzerin, Performerin

Ich tanze mit meinem Staubsauger, den Türrahmen, dem Putzeimer und dem Stubentisch.

Aquarell-Zeichnung eines gelben Fahrrads ohne Pedale. Es hat vorne zwei Räder und hinten eines. Am geschwungenen Lenker hängt ein Korb und zwei Gehstöcke sind schräg am gebogenen Gestell befestigt.
© Joshua Gundlach 2021

Wie hast du vor der Corona-Pandemie künstlerisch gearbeitet?

Ich habe hauptsächlich als Tänzerin / Performerin gearbeitet.

Wie hat sich deine Arbeitsweise seit März 2020 verändert?

Ich musste vieles (mit wehem Herz) in den digitalen Raum verlagern und habe in diesem Rahmen einige Zoom Talks entwickelt. Da pandemiebedingt seit mehr als einem Jahr alle live Tanzklassen und Trainings ausfallen, habe ich meine eigene Wohnung und deren Gegenstände für mein Training benutzt. Ich tanze mit meinem Staubsauger, den Türrahmen, dem Putzeimer und dem Stubentisch.

Was bedeutet Isolation für dich?

Was fehlt dir im Lockdown besonders?

Kontakt zu Freunden und Freundinnen, live mit meiner Mixabled Tanzklasse an Workshops teilnehmen, live Tanzklassen, Tanzen im Studio, Ideen in einem Café sitzend entwickeln, neue Ideen live mit Tanzpartner:innen entwickeln, Tanzen im Club bis die Sonne aufgeht, Reisen.

Was sind die angenehmen Seiten der Isolation?

Ganz am Anfang: Seen von Zeit und hinter einander weg 3 Bücher gelesen – dies hat sich leider sehr schnell dahin entwickelt, dass ich, weil sehr viel mehr online, plötzlich viel mehr Arbeit hatte und habe, man bewirbt sich mehr, und aggressiver, nimmt alle Arbeitsaufträge an, die sich ergattern lassen, selbst wenn sie schlecht bezahlt sind und auch wenn es eigentlich zu viel ist, und meldet sich für alle möglichen Zoom-Inforeihen an.

Ich habe meine Steuererklärung 2020 fast fertig zur Abgabe, obwohl ich bis Ende 2021 Zeit hätte.

Was sind Strategien, um in der Isolation zurecht zu kommen?

Bitte nenn drei Gegenstände, die dir während der Zeit der Isolation besonders wichtig waren, oder die du in deiner Wohnung gefunden oder wieder entdeckt hast..

Alinker-Laufrad, mein „vorsintflutliches“ Hometrainer Rad, all meine liebsten Aquarell- und Kreidefarben.

Gibt es eine neue Gewohnheit oder ein Verhalten, das dir in dieser Zeit geholfen hat?

  • Tages- und Wochen Arbeitspläne, strukturiertere To Do Listen, Sauerteigbrot selber backen, generell gesund essen, mehr aufräumen und sich der Dinge entledigen, die ich seit einem Jahr nicht angefasst habe.
  • Mein Balkon samt all seinen Pflanzen
  • Meditation
  • Jeden Tag etwas tun, was ich noch nie getan habe

Durch die geschlossenen Tanz-Studios fand mein Training im eigenen Wohnzimmer statt. Zeitgleich geschah ein kleines Wunder: In einer Zeit, in der viele Menschen leiden unter pandemiebedingter Einschränkung der Bewegungsfreiheit, bin ich mit meinem neuen, gelben Alinker auf einmal so schnell und auf Augenhöhe, wie viele Jahre nicht.

Welche Kommunikationswege nutzt du in der Isolation?

Zoom, Skype, Telefon, E-Mail, WhatsApp, auf dem Balkon ganz laut und über die Straße mit meiner Nachbarin reden.

Hast du etwas Neues über dich gelernt?

Dass ich vereinsame, wenn ich zu lang und zu oft nur vor meinem Rechner sitze. Dass Wohnzimmertraining leider sehr schnell wirklich anstrengend und doof ist. Dass ich mich soooooo freue, wenn ich im live Gespräch sein kann. Und den „Luxus“, einfach ins Tanzstudio zu können. Dass ich einfach an einem Tisch in einem Café zu sitzen nun so viel mehr wertschätze. Ich habe mich für viele Petitionen von Campact und WeCare engagiert.

Gibt es etwas, das du nicht-behinderten Menschen sagen möchtest?

Ich bin dankbar für all die netten Nachbar:innen in meinem Haus und in der Straße, die ohne viel Worte helfen, wenn meine Einkaufstaschen zu schwer sind. Auch wenn die Pandemie überstanden ist, freue ich mich sehr über gemeinsames Quasseln im Treppenhaus und über Eure tollen Hilfsangebote.

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