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Torsten Holzapfel

55 Jahre, Schauspieler, Performer, Kunst-Maler, Drehorgelspieler, Gassenhauer

Und die Gesellschaft behindert einen, wegen dieser ewigen Vorurteile.

Aquarell-Zeichnung eines Videorekorders mit Knöpfen und Anzeigen an der Vorderseite. Auf dem Videorekorder liegt eine VHS-Kassette, die teilweise aus der -Packung herausgezogen ist.
© Joshua Gundlach 2021

Wie hast du vor der Corona-Pandemie künstlerisch gearbeitet?

Völlig normal. Ich war… es gab Atelier, es gab die vollen Gruppen, es gab die Theatergruppe, es gab die Trainingsgruppen. Körpertraining, Malen, Atelier, Aufführung, Proben. Gastspiele nach Mainz und so. Und wir sind dorthin gefahren, mit Butterblume sind wir auf Gastspiel gegangen. Dann sind wir auch mit OZ OZ OZ, der Zauberer von Oz, wo ich die Vogelscheuche gespielt habe… es war alles in Ordnung. Ja. Und dann habe ich wieder mein Bild gemalt, so ganz normal. Noch geprobt, noch mehr auch Theater gespielt und auch mit Drehorgel-Festen war ich dabei.

Mein Beruf ist Performer, Schauspieler und Maler und Künstler, und also Kunst-Maler. Grafik malen, mach‘ auch Performance und ich bin auch Gassenhauer. Also auch für Drehorgel-Spielen und Leierkasten. Das ist meine Aufgabe und so.

Und ja, dann mach‘ ich auch die… das Thema war ja Stadtansichten von oben, New York by Night war das nächste, oder das zweite oder dritte Bild. Und dann kam ich zu den U-Bahnen. Aber das war dann in der Pandemie, dann fing es an mit U-Bahnen.

Wie hat sich deine Arbeitsweise seit März 2020 verändert?

Angefangen hat es, dass ich erstmal schwer krank war. Ich hatte einen Darmdurchbruch gehabt und da war ich erstmal viel im Krankenhaus. Und dann hab‘ ich gehört, dass wir zuhause bleiben müssen. Da war das zu, die Werkstatt. Aber das habe ich selbst kaum gemerkt, weil ich selbst krank war. Also, unabhängig von Corona hin und her, weil ich schwer krank war. In Krefeld im Krankenhaus gewesen und so. Und dann kam die Nachricht, ja, es ist Corona. Habe ich erst gar nicht so verstanden denn. Alles schön geplant nach Moskau, alles ist ausgefallen und verschoben worden. Es war ja damals schon geplant, Russland-Tour. Dann kam die Pandemie und so und dann, also, ich hab‘s kaum gemerkt. Also durch meine… so fing das an. Und dann als ich wieder genesen war, also mit meiner Krankheit, kam dann die Corona-Zeit, ich war ja viel zuhause. Und war auch da gewesen und hab mich aufgepäppelt wieder, um gesund zu werden. Also hat sich das eh nicht, hat sich das erübrigt. Das war vielleicht auch ein Vorteil, dass ich da davon gar nicht so groß gemerkt hab. Wo man dann zuhause bleiben musste.

Ich hab‘s ja nur gehört, durch die Nachrichten und dass wir nicht arbeiten gehen dürfen. Das waren so die ersten Monate.

Nach der zweiten [Welle] konnte man das regeln, dass eine Woche bleibt man zuhause und eine Woche arbeitet man, weil nur 20 Leute dürfen in die Werkstatt.

Und dann hat sich das erübrigt, in der Zeit, dass man dann auch kommen kann, auch wenn man jetzt in der Gruppe A ist, ich bin dann in die Gruppe B auch reingegangen auch, obwohl ich in der Gruppe A bin. Es wurde aufgeteilt in Gruppe A und Gruppe B. Ich gehör zur Gruppe A und ich darf auch immer in Gruppe B arbeiten. So wie jetzt, eigentlich müsste ich zuhause sein, aber da wir jetzt so viele in Arbeiten, in Theater-Proben sind, hat sich das wieder erübrigt, dass auch Leute von der Gruppe A in die Gruppe B gehen können. Es darf nur die Zahl nicht, die Anzahl der Personen darf sich nicht steigen. Ich bin einer, der nicht gerne zuhause bleiben will, ich möchte lieber bildnerisch… sonst kommt die Erinnerung wieder, die traurige Erinnerung wieder zurück. Der Verlust ist denn wieder ganz eingeprägt, wenn ich wieder zuhause bin. Grübeln und alles kommt denn. Wenn ich unter Menschen bin, dann geht‘s mir besser. Also tut´s mir gut. Und wie gesagt, in der Pandemie, da war ich ja meistens auch bei meiner Tante, ich war dann zuhause auch, bei ihr und war nicht bei mir zuhause. Durch die Erkrankung, die ich bekommen hab‘.

So war das für mich, die Pandemie-Zeit war für mich kein Weltuntergang. Und auch kein so ein Zustand, hab ich nicht so empfunden, da ja alles Notwendige offen war, so wie Lebensmittelgeschäfte und so. Dass man sein Essen kaufen kann und alles ja.

Nachfrage: Aber wie genau hast du vor allen Dingen in deiner künstlerische Arbeit die Einschränkungen gemerkt?

 Zu Anfang war das so, aber dann hat sich das eingeübt, dass man wieder Proben darf und außen. Einige machen jetzt außen Veranstaltungen, sind einige in Proben und ich kann, wie gesagt schon, in beide Gruppen rein gehen.

Gut jetzt habe ich wieder angefangen zu proben, aber nur für ein paar Tage, das fällt nicht so ins Gewicht.

Ich vermiss‘ schon das Theater, aber zurzeit bin ich auch noch nicht in dem neuen Stück nicht besetzt. Das ergibt sich dann bald, dann gibts auch bald die Jubiläumsfeier. Dann bin ich auch irgendwo dabei. Das ist alles noch offen.

Nur weniger Proben und weniger Theaterspielen. Und weniger Auftritte zum Beispiel mit dem Drehorgelverein oder im Seniorenheim auftreten oder so was.

Nachfrage: Als Atelier-Künstler hat sich nicht so viel verändert, wie für dich als Schauspieler und Performer?

Genau, richtig.

Was bedeutet Isolation für dich?

Isolation ist für mich… das kommt von ganz oben, vom Staat, das wurde entschieden. Da haben sich Politiker und das Robert-Koch-Institut zusammengesetzt und wie können wir das bekämpfen, damit das wieder zurück geht. Und dadurch ist es zwangsläufig wie so eine Diktatur entstanden. „Corona-Diktatur“ sag‘ ich mal. Oder die Leugner, die dieses kritisieren. Es ist irgendwie wieder so eine höhere Macht, das ist die Natur, und wir Menschen müssen damit umgehen. Also das hatten wir noch nie gehabt. Und alle Politiker und alle waren hilflos, nur das Robert-Koch-Institut hat sich überlegt, was können wir jetzt machen.

Nachfrage: Und was bedeutet für dich Isolation allgemein? Was heißt für dich isoliert sein”?

Na, das hab ich ja schon als Kindheit gehabt. Eingesperrt. Zuhause sein. Nicht rausgehen dürfen. Und dann darf ich auch nicht dahin gehen, wo ich hin will. Wenn andere befehlen „Du bleibst hier!“. Und „Du machst dich jetzt nicht auf den Weg!“. „Du kannst nicht einfach hingehen, wo du willst.“

Aber als Kind war ich schon öfters in der Psychiatrie. Da durftest du auch nicht entscheiden. Da haben andere über dich verfügt. Hat der Staat entschieden. Das System, also unser Bundessystem. Hat da entschieden, ich durfte nicht entscheiden.

Nachfrage: Ist für dich demnach Isolation etwas Positives oder etwas Negatives?

Beides. Es wird einem da wieder geholfen. Und auch Freiheitsbeschränkung. Das Negative ist: Du kannst nicht mehr weiter machen was du willst. Du kannst nur entscheiden, damit umzugehen: Was mach ich aus dieser Situation heraus?

Was fehlt dir im Lockdown?

Ja, das Theaterspielen! Auftritte! Kinogehen! Ausstellungen. Museumsbesuche. Auftritte in Seniorenheimen. Menschen glücklich machen mit Drehorgelmusik. Gassenhauer, Berlin-Lieder!

Und was sind die angenehmen Seiten der Isolation?

Ja, dass man nicht so viel arbeiten muss. Ja, und dass, sagen wir mal, die Natur sich erholt. Durch weniger Flugverkehr und Autoverkehr. Und das hat Vorteile, die Natur erholt sich wieder. Und das soll ja zum Denken bringen. Und zum Nachdenken bringen, wie gehen wir mit unserer Umwelt um. Unser Konsum und dass wir das alles gar nicht so brauchen.

Aber Menschen so wie ich… ich bin jetzt alleine, ohne Partnerin und so kommt die Trauer mehr zur Geltung als, wenn man abgelenkt ist. Das macht auch die Pandemie und die Isolation.

Was sind dann Strategien, um in der Isolation besser zurecht zu kommen?

Ja, sich zuhause zu unterhalten, wenn man zuhause bleiben muss. Fernsehen. Medien, also Nachrichten, Fernsehen gucken. Oder versuchen, weniger Nachrichten zu gucken, sonst wird man auch krank durch die ganzen Corona-Berichte. Das ist ja auch immer das Tragende. Also generell gucke ich gar nicht mehr so gerne Nachrichten jetzt durch diese ganzen Nahost wieder Israel. Ja.

Ich versuche immer alte Filme anzugucken oder alte Sachen, die ich aufgenommen hab. Und ewiger Gestriger zu sein, wo meine Partnerin noch gelebt hat. Also der bin ich jetzt mehr noch als je zuvor, ein ewig Gestriger. Lebe lieber in der Vergangenheit, weil das für mich schöner war. Als in der Gegenwart. Akzeptier‘ die ja nicht so. Man soll die ja akzeptieren, aber ich akzeptier‘ die Gegenwart nicht. Jetzt erst recht! Wegen dem Verlust meiner Partnerin und wegen Corona. Für mich ist es doppelt. Aber mehr der Verlust als das mit der Pandemie. Das wär‘ für mich gar nichts, wenn meine Partnerin gelebt hätte. Ich wäre damit anders umgegangen. Aber jetzt ist es angreifbarer.

Kannst du mir 1-3 Gegenstände nennen, die dir während der Zeit der Isolation besonders wichtig waren oder die du in der Wohnung gefunden oder auch wieder entdeckt hast?

Naja, ich gucke viele… ich repariere VHS-Kassetten. Um alte Filme wieder aufzunehmen.

Nachfrage: Sind dir da einzelne Filme besonders wichtig geworden, die du viel oder oft angeschaut hast?

Ja, einige bewegen mich dann sehr, weil ich ja schon gesagt hab‘, Vergangenheit und so. Das hab‘ ich geguckt, als meine Partnerin noch gelebt hat und so. Da ging´s mir ja gut und so. Und verkriech‘ mich ja immer mehr in die Vergangenheit, mach‘ die Gardinen zu. Lass‘ nicht mehr Sonne rein und so. Weil ich die Gegenwart nicht akzeptieren kann.

Ich hab‘ auch den Glauben an Gott verloren.

Nachfrage: Bei den Filmen, sind das Filme die du selber aufgenommen hast?

Ja, sind selber, die ich aufgenommen habe, was mal so im Fernsehen lief: Gerichtsverhandlungen oder Detektive oder wo Menschen wieder zum Recht kommen und dass die Täter gefasst werden und so. Oder Filme. Polizeiruf und sowas, DDR-Kriminalfilme und so, aus der DDR-Zeit. Und sowas hab‘ ich aufgenommen. Alles, was so lief im Fernsehen.

Nachfrage: Und fällt dir noch ein anderer Gegenstand ein, der dir in dieser Isolationszeit irgendwie geholfen hat oder mit dem du mehr gemacht hast? Oder den du wieder entdeckt hast vielleicht dadurch, dass du viel zuhause allein warst?

Ja, ich guck, wie gesagt, Filme und so alles. Bilder, Bücher, wir haben teilweise Hefte gefunden wieder. Dokumentationen. Also ich könnt… ich hätt‘ genug, also ich bräuchte eigentlich keinen Fernseher mehr. Ich hab‘ so viele DVDs, Videos, VHS-Kassetten. Noch die älteren Modelle. Und DVD. CDs, Musik und Hörspielkassetten und Hörspiel-CDs – also Unterhaltung, also ich unterhalte mich und lenk‘ mich, ich versuch‘ mich immer abzulenken. Um gar nicht mehr daran zu denken, um zu akzeptieren, dass sie nicht mehr lebt.

Welche Kommunikationswege nutzt du in der Isolation?

Ja, meistens telefonieren. Per Handy oder Festnetz. Zuhause hab‘ ich eigentlich kein Internet, ich bin ja bisschen altmodisch. Das hab‘ ich auf der Arbeit gemacht, mit, unserer Gruppenleiterin und so, haben wir uns alles durch Video-Ausstellungen angeguckt. Und dass ich nominiert wurde, in München. Euward. Aber nur nominiert, nicht Preis gewonnen.

Nachfrage: Aber diese Kommunikationswege über das Internet, E-Mail, Videokonferenz geht nur über die Werkstatt?

Ja, das habe ich mit unserer Gruppenleiterin gemacht. Hat aber nur Nachteile wegen Technik, weil manchmal die Technik versagt. Dann ist eine Person verschwunden oder die kriegt was nicht mehr mit oder sie ist nicht mehr da. Dann sind immer so 3 oder 4 Personen und eine verschwindet denn. Oder die guckt nicht mehr direkt… es ist mehr so persönlich wie wir jetzt gegenübersitzen – [über Internet] ist unpersönlicher. Das ist ein Nachteil und so. Und das war alles durch die moderne Technik. 

Hast du denn etwas Neues über dich jetzt gelernt in dieser Zeit?

Neues gelernt? Mehr oder weniger so gut wie gar nicht. Also, dass doch Internet und so sehr wichtig ist in unserer neuen Medienwelt. Und ich bin nicht so ein Freund davon. Ich bin da nicht so. Ich mag lieber das Menschliche und das Gegenüber und nicht ‚ne Frau kennenlernen und durch Internet. Oder Sachen bestellen. Aber das hat sich denn verstärkt dadurch.

Nachfrage; Also ist eine Erkenntnis über dich, was du über dich gelernt hast, ist, dass du eben nicht so gern technische Sachen magst, dass du wirklich lieber persönliche Treffen hast?

Genau! Ist mir viel lieber. Oder sich auf den Weg machen, mir wär‘ es lieber gewesen, ich wär‘ jetzt in München gewesen, ich wär‘ da gewesen. Bei dieser Preisverleihung.

Nachfrage: Und du hast auch, was ich über dich verstanden hab‘, noch über dich gelernt, dass du noch lieber als schon vorher tatsächlich in der Vergangenheit lebst? Dass dir die Gegenwart durch die Pandemie nochmal schwerer fällt?

Ja, noch schwerer. Durch die Pandemie noch schwerer. Aber selbst, wenn die Pandemie nicht gewesen wär‘, ich werd‘ nie wieder die Gegenwart nicht so akzeptieren wollen.

Deswegen tut mir das gut, wenn ich arbeite. Deswegen will ich versuchen jede Woche zu kommen.

Gibt es etwas, das du nicht-behinderten Menschen sagen möchtest?

Ja, dass diese unendlichen Vorurteile aufgelöst werden und dass dieses Inklusive auch endlich mal aufhört, dass es alles gleich ist. Dass wir genauso Künstler sind, wie die anderen auch. So wie auch Prinzhorn, alle die, die das auch so gesehen haben. Dass die auch ‘ne Chance haben. Oder Künstler, wie Prinzhorn oder Lothar Späth. Der hat auch entschieden, Politiker in der CDU, der hat auch gesagt, die sollen eine Möglichkeit haben, auf dem Kunstmarkt und so. Oder genauso wie EUWARD und so. Also, dass dieses Denken, diese ewigen Vorurteile. Ich sage mal so, ich werde ihnen sagen: wir sind Menschen, die langsamer sind, weil wir einerseits zu spät gekommen sind, um zu lernen und so. Oder ich bin, ich hab‘ Verhaltensstörung, weil ich später in die Schule gekommen bin. Und die Gesellschaft behindert einen, wegen dieser ewigen Vorurteile. Das ist die Gesellschaft, die einen behindert. Und dass dieses Inklusive auch nicht mehr so notwendig ist, dass es dann nur noch Künstler und so gibt.

Nachfrage Also, du meinst, dass es nicht immer extra sein muss, dass alles „inklusiv“ heißt oder?

Ja!

Anmerkung: Oder so einen Stempel hat. Dass es extra benannt wird.

Ja. Genau! Warum nicht gemischt? Um dieses Vorbild, um dieses Vorurteil aufzuheben. Diese Barriere. Finde ich zumindestens. Damit das endgültig aufhört, diese Isolierung und dieses Schubladensystem. Das wir natürlich Hilfe brauchen und so, jeder Mensch ist langsamer und der andere ist wieder schneller. Das ist, in Anführungsstrichen, auch in der „normalen Welt“ so. Der eine kann schneller und der andere nicht. Der eine ist fauler, der andere ist fleißiger. Der eine trinkt mehr, der andere trinkt weniger. Ja, so seh‘ ich das.

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