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Gee Vero

49 ¾ Jahre, Mensch, Künstlerin, Autorin und Autismusberaterin

Die FeH78 steht in meinem Garten und ist zur kleinsten Kunstgalerie der Welt geworden.

Aquarell-Zeichnung einer gelben Telefonzelle mit geschlossener Tür. Sie steht auf einer Grasfläche, der Innenraum ist leer.
© Joshua Gundlach 2021

Wie hast du vor der Corona-Pandemie künstlerisch gearbeitet?

„Vor Corona“ war ich gerade dabei, eine neue Art of Inclusion Ausstellung in und mit der Volkshochschule Leipzig zu organisieren. Diese sollte besonders auch hinsichtlich Autismus barrierefrei organisiert werden. Außerdem war geplant, dass die Ausstellung ein Ort der Begegnung werden soll, das heißt, der Betrachter wird dazu eingeladen ein „Teilhaber“ zu werden. Das war und ist aufgrund der Corona-Pandemie immer noch nicht möglich, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Auch an Schulen und Einrichtungen bzw. bei meinen Veranstaltungen konnte Art of Inclusion nicht mehr stattfinden, da es seit April 2020 keine Live-Veranstaltungen, sprich Vortragstätigkeit von mir, mehr gab. Ich habe sonst auf all meinen Veranstaltungen und Vortragstätigkeiten mein Kunst- Projekt The Art of Inclusion angeboten und die Menschen dazu eingeladen, mir in Form meines halben Bareface-Gesichtes auf ihre Art und Weise auf einem Blatt Papier zu begegnen. Es ging dabei nicht nur darum, ein Bewusstsein für die Belange autistischer Menschen in der Gesellschaft zu schaffen, sondern vielmehr um die dringend notwendige gegenseitige Akzeptanz in unserem Anderssein, egal, ob dieses Anderssein einen Namen hat oder nicht. Ich habe außerdem das Glück, dass Menschen meine Bilder gefallen, so dass ich immer wieder Anfragen für Auftragsarbeiten und auch Buchcover gestalten darf.

Wie hat sich deine Arbeitsweise seit März 2020 verändert?

Meine künstlerische Arbeit beschränkt sich seit März 2020 auf das, was ich allein und von meinem Atelier aus machen kann. Da meine Referenten-Tätigkeit immer eng mit meinem künstlerischen Schaffen verbunden war, ist es aufgrund von Corona auch finanziell sehr schwierig, ein Projekt wie The Art of Inclusion weiterhin so zu betreiben, wie es mir vor der Pandemie möglich war. Um die geplante Ausstellung mit der Volkshochschule dennoch nicht zu gefährden und deren Barrierefreiheit weiterhin zu gewährleisten (zum Beispiel 3-D Drucke einiger Bilder und Malvorlagen), habe ich mich für ein Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen beworben und dies auch erhalten. Somit kann die Ausstellung an der VHS Leipzig realisiert werden, sobald es wieder grünes Licht gibt. Ich habe in den letzten Monaten mehrere Cover für Autismus-Bücher gestalten dürfen. Außerdem nehme ich nun auch mehr Auftragsarbeiten an. Das ist etwas, was mir Freude macht, aber eben auch Zeit braucht. Diese habe ich nun. Ich bin so etwas wie ein sesshafter „Rumtreiber“ geworden, aber das tut mir gerade sehr gut.  Ich male mehr und ich male auch wieder nur für mich. Ich bin außerdem als Protagonist in einen Dokumentarfilm über Autismus und Kunst eingebunden. Eine ganz neue, tolle Erfahrung für mich.

Was bedeutet Isolation für dich?

Was fehlt dir im Lockdown besonders?

Anfangs fehlten mir meine Vorträge sehr, vor allem die Begegnungen mit den Menschen, aber auch weil diese Veranstaltungen und Reisen meine Auszeiten waren. Ich habe einen fast 17-jährigen autistischen Sohn, der rund-um-die-Uhr Betreuung und Pflege benötigt. Das ist nicht immer einfach und es tat mir gut, davon stunden- oder auch mal tageweise wegzukommen. Ich konnte dann nicht nur wieder neue Energie sammeln, sondern auch mal mit etwas Entfernung auf meinen Alltag mit meinem und Elijahs Autismus schauen. Auch der Austausch mit anderen Menschen hat mir immer sehr geholfen. Man sieht es mir nicht an, aber ich benötige nicht nur sehr viele Kompensationsstrategien, um meinen Mitmenschen das widerzuspiegeln, was sie sehen müssen, damit ich zumindest eine Zeit lang dazu gehören kann, sondern auch Übung. Das heißt, wenn ich längere Zeit nicht in die Begegnung mit anderen Menschen gehe, dann fällt es mir immer schwerer, es wieder zu tun. Diese Übung, dieses „raus-gehen-müssen“ fehlt nun seit über einem Jahr und ich bemerke Veränderungen an mir, die mir sehr deutlich machen, wie autistisch ich wirklich bin und dass ich ohne diese ständigen sozialen Kontakte ganz schnell wieder in meine Muster zurückfalle, auch wenn ich das gar nicht möchte. Kurz gesagt, mir fehlen die Begegnungen mit den Menschen.

Was sind die angenehmen Seiten der Isolation?

Am angenehmsten an dieser Isolation ist für mich die Isolation selbst. Nicht, weil ich wünsche so zu leben, sondern weil es viele von außen auf mich wirkende Stressoren plötzlich nicht mehr gibt. Außerdem nimmt dieses kontaktarme Leben diesen enormen Druck von mir, den ich ständig in sozialen Interaktionen verspürt habe. Den Druck passen zu müssen in einer Welt, in die ich so nicht passe. Nicht ohne Verständnis und Akzeptanz meiner Mitmenschen, der Gesellschaft. Mir ist erst in der Isolation bewusst geworden, wie viel Kraft ich generieren muss. Ich habe gemerkt, wie sehr ich mich verbiegen musste, um wenigstens diese zeitweilige Teilhabe zu erreichen, und wie anstrengend das für mich war. Und dabei reden doch alle von Inklusion. Mir ist klar geworden, dass wir zumindest, was autistische Menschen betrifft, keine Inklusion haben. Die Gesellschaft beharrt auf allen Ebenen weiterhin auf Integration, und wer diese Anpassung nicht schafft, der ist raus, wird ignoriert und vergessen. Davon sind hauptsächlich Menschen mit frühkindlichem Autismus wie mein Sohn Elijah betroffen. Durch die Isolation ist das alles aber ein Stück weit weggerückt, denn nun verhindert ein Virus die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Es fühlt sich einfach besser an, dass unser Leben auf dem Randplatz momentan der Corona-Pandemie geschuldet ist. Corona betrifft uns alle, somit ist die Ablehnung, die Ausgrenzung und Intoleranz aufgrund meines Andersseins irgendwie aufgehoben. Außerdem, wird mir, da ich keine direkten Kontakte mehr zu anderen Menschen habe, mein Anderssein nicht ständig gespiegelt und damit bewusst gemacht. Das Leben ist langsamer geworden und ich kann besser mithalten. Dadurch geht es mir gerade richtig gut. Aber eine Lösung ist es natürlich nicht, die heißt weiterhin Akzeptanz!

Was sind Strategien, um in der Isolation zurecht zu kommen?

Bitte nenn drei Gegenstände, die dir während der Zeit der Isolation besonders wichtig waren, oder die du in deiner Wohnung gefunden oder wieder entdeckt hast.

Als erstes ist da meine Telefonzelle Feh78, die ich, schon maskiert, im Mai 2020 von einer Einrichtung erwerben konnte, in der sie als Spielobjekt für Kinder diente. Ich liebe Telefonzellen und es war immer mein Traum eine zu besitzen. Passenderweise ist an dieser Telefonzelle ein Aufkleber mit der Aufschrift „Führe mal wieder ein Selbstgespräch“. Das passt wunderbar zur Situation. Ich war lange Zeit nicht in der Lage zu telefonieren. Das war eine meiner vielen Schwächen, aber ich habe während der Corona-Zeit erfolgreich daran gearbeitet und bin besser geworden. Meine Telefonzelle ist mir da eine wichtige Stütze. Schon immer sind mir Objekte sehr wichtig gewesen, weil sie mir helfen, Ordnung und Beständigkeit in mein Leben zu bringen. Nun steht meine FeH78 in meinem Garten und ist zur kleinsten Kunstgalerie der Welt (?) geworden. Wo früher Telefonbücher hingen, findet man jetzt meine Kunstkataloge und sie ist mit Bildern bestückt, die meine Geschichte erzählen. Sie erinnert mich an all das, was mir wichtig ist, mein Malen und Zeichnen, aber auch daran, dass ich Verbindungen nach „draußen“ habe und dass diese mir wichtig sind, auch wenn sie mich extrem fordern. Zweiter Gegenstand ist ein Rahmen eines Alpina Exzellent Sport 72 Luxus Bonanza Fahrrades aus dem Jahr 1972. Ich hatte als Kind ein DDR-Bonanzarad und habe das geliebt. Da ich nun mehr Zeit habe, dachte ich mir, dass es eine coole Idee ist, ein Bonanza Fahrrad zu restaurieren. Allein das Saubermachen des Rahmens und die Entrostung empfinde ich als eine beruhigende und deshalb sehr angenehme Tätigkeit. Ich kann dann alles andere so wunderbar ausblenden und in Ruhe nachdenken. Es geht hier also um den Prozess des Wiederherstellens. Ob das Rad je wieder fahrbereit sein wird, ist egal. Der dritte Gegenstand ist mein Basketball bzw. der Basketballkorb, den ich für Elijah neu gestrichen habe. Basketball ist gerade eine ziemlich stabile Brücke zwischen Elijah und uns. Er hat den Ball zum ersten Mal überhaupt von allein genommen und in den Korb geworfen. Das war magisch. Da Elijah nicht in die Schule gehen kann (erst wegen Corona, aber ihm wurden auch die Schulbegleiter gestrichen), können wir uns ungestört ganz auf uns, vor allem auf seine Bedürfnisse konzentrieren und da geht es vor allem darum, dass er in die Interaktion mit uns geht und gehen kann.

Gibt es eine neue Gewohnheit oder ein Verhalten, das dir in dieser Zeit geholfen hat?

Ich habe mir Hühner und Laufenten angeschafft. Etwas, was ich schon immer machen wollte, aber nicht konnte, weil ich ständig unterwegs war. Ich versuche überhaupt das Positive an der Situation zu sehen. Da Elijah zuhause ist, können wir endlich in Ruhe und ohne Ablenkungen mit unserem Phönix-Programm arbeiten. Es fühlt sich so an, als hätte jemand im Schwimmbecken genug Wasser abgelassen, so dass er darin stehen kann. Erst dann wagen sich auch Nichtschwimmer ins Wasser und können ohne Angst das Schwimmen üben. Vorher wurde Elijah eigentlich jeden Tag aufs Neue ins tiefe Wasser geworfen, es interessierte keinen, ob er Schwimmen kann oder nicht. Es war auch niemand bereit, es ihm beizubringen. So ist das mit der Integration. Pass dich an, zeig Leistung oder geh unter. Das klingt harsch und das ist es ja auch. Wir machen jetzt um so dankbarer ziemlich ungestört unser Ding. Wir sind zufriedener, weil wir nicht täglich um Teilhabe und Akzeptanz ringen müssen. Wir leben wieder mehr im Moment, dem kleinsten Kreis, der überschaubar ist. Wir versuchen neue Wege zu ergründen und zu gehen, in unserem Tempo und auf unsere Art und Weise.

Welche Kommunikationswege nutzt du in der Isolation?

Ich bin wie gesagt, erst vor kurzem ein Telefonierer geworden, was mich selbst auch sehr freut. Es ist zwar immer noch anstrengend, aber möglich. Ansonsten ist Email die bevorzugte Art der Kommunikation, weil ich da mehr Zeit zum Verstehen und Formulieren, also Empfangen und Aussenden, von Nachrichten habe. Ich bin aber schon immer ein aktiver Postkarten- bzw. Briefeschreiber. Und seit Corona bekommt ich dann auch schon mal eine Karte zurück. Videokonferenzen etc. sind mir nicht möglich, da ich Menschen hauptsächlich über Sensing wahrnehme und über einen Bildschirm ist dies nicht in dem Umfang möglich, in dem ich es benötige. Deshalb sind auch Online-Veranstaltungen leider keine Option für mich, sondern eine neue Hürde.

Hast du etwas Neues über dich gelernt?

Oh ja, ich habe gelernt, dass ich in der Lage bin, mich zu verändern, die Richtung zu wechseln und mich auf Neues einzulassen. Es war nicht einfach, aber da durch die Pandemie ein gewisser Zwang dahinter stand, musste es gehen. Ich brauche solche Anstöße. Ich habe auch begriffen, dass, obwohl ich mich bis zu einem gewissen Grad anpassen kann und das auch will, ich aber auch Grenzen habe. Grenzen hat jeder Mensch, nur eben an anderen Stellen. Ich versuche herauszufinden, wie meine Grenzen aussehen, warum sie dort sind, wo sie sind (z.B. Online-Veranstaltungen) und ob es nicht vielleicht doch einen Weg gibt, sie zu überwinden. Mein Lebensmotto ist weiterhin: „Es scheint immer unmöglich, bis man es tut“ (Mandela) Ich möchte weiterhin ein Brückenbauer sein.

Gibt es etwas, das du nicht-behinderten Menschen sagen möchtest?

Ich wünsche mir, dass nicht-behinderte Menschen bessere Mitmenschen mit behinderten Menschen werden und dass sie sich viel mehr in die Begegnung mit behinderten Menschen begeben. Sie werden feststellen, dass wir immer mehr gemeinsam haben als uns trennt. Es ist sicher nicht einfach, einen anderen Menschen in seinem Anderssein so zu akzeptieren, wie er ist, aber es ist genau diese Akzeptanz, die nicht nur behinderte Menschen am dringendsten brauchen. Die Voraussetzung für Akzeptanz ist immer die Selbstakzeptanz, das heißt, nur wenn wir uns selbst so akzeptieren (lieben), wie wir wirklich sind, können wir das auch mit einem anderen Menschen, egal, wie anders er auch ist. Das Wunderbare an Akzeptanz ist, dass jeder von uns sie einem anderen Menschen geben kann, sie kostet keinen Cent, hat nur positive Nebenwirkungen und sie kann nicht überdosiert werden. Gegenseitige Akzeptanz wird unser aller Leben sofort besser machen. Probieren Sie es aus, es funktioniert garantiert!

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