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Annton

53 Jahre, Malerin, Illustratorin, Autorin

Eine alte Feuertonne. Feuermachen gibt mir ein geerdetes Gefühl von Freiheit.

Aquarell-Zeichnung einer Metalltonne mit drei Standbeinen. Rote und gelbe Flammen lodern aus der Öffnung empor.
© Joshua Gundlach 2021

Wie hast du vor der Corona-Pandemie künstlerisch gearbeitet?

Ich bin Malerin und arbeite außerdem als Illustratorin und Autorin. Mein Atelier befindet sich in meiner Wohnung. Das bedeutet, mein Alltag und meine Arbeitsweise waren bereits ziemlich gut aufeinander abgestimmt. Kurz bevor Corona anklopfte, hat sich meine Arbeit allerdings thematisch sehr verlagert und ich bin nach vielen Jahren zur Porträtmalerei zurückgekehrt.

Wie hat sich deine Arbeitsweise seit März 2020 verändert?

War ich zu Beginn der Pandemie noch dabei, mir langsam eine Bildsprache und Techniken für meine Porträts zu erarbeiten, wurde sehr schnell klar, für die kommenden Monate werde ich niemanden für Sitzungen ins Atelier einladen können. Ich habe also ein Projekt ins Leben gerufen, für das ich Frauen aufrief, mir Fotografien zuzusenden, die sie lachend abbilden. Das WOMEN LAUGHING PROJECT. Das Feedback darauf war überwältigend und ich werde noch einige Monate Aquarelle von lachenden Frauen malen. Gleichzeitig haben sich meine größeren Arbeiten allerdings von fotografischen Vorlagen entfernt und ich erschaffe Porträts, die keine konkreten Personen mehr abbilden. Das gibt mir die große Freiheit, Geschichten zu erzählen, unabhängig von realen Biografien. Ich mag diese isolierte Art zu arbeiten und bin dankbar, dass die Beschränkungen mich auf diesen Weg gebracht haben.

Was bedeutet Isolation für dich?

Was fehlt dir im Lockdown besonders?

Mir fehlen spontane Besuche, meine nähere Familie und von jetzt auf gleich die Koffer packen zu können, um spontan irgendwohin zu fahren. Da ich aufgrund meiner Behinderung zur Risikogruppe gehöre, habe ich in 15 Monaten vielleicht 10 Menschen gesehen, war monatelang nicht einmal in einem Supermarkt und habe auch jetzt noch ordentlich an der Ignoranz und der Anspruchshaltung einiger Mitmenschen zu knabbern. Auch wenn es das nicht sollte, es hat mich verletzt.

Was sind die angenehmen Seiten der Isolation?

Ich finde, das Leben ist etwas unaufgeregter. Oft gelingt es mir heute besser, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden.

Was sind Strategien, um in der Isolation zurecht zu kommen?

Bitte nenn drei Gegenstände, die dir während der Zeit der Isolation besonders wichtig waren, oder die du in deiner Wohnung gefunden oder wieder entdeckt hast.

Essentiell wurden in den vergangenen Monaten unter anderem, eine dicke Keramiktasse, um täglich einmal Kaffee im Vorgarten zu trinken, egal wie kalt es war. Eine alte Feuertonne. Feuermachen gibt  mir ein geerdetes Gefühl von Freiheit. Und kabellose Kopfhörer, weil wir zu zweit im Homeoffice und im Atelier sind.

Gibt es eine neue Gewohnheit oder ein Verhalten, das dir in dieser Zeit geholfen hat?

Routinen. Immer wenn es mir gelungen ist, diese aufrechtzuerhalten, fühlten sich die Tage voll und sinnvoll an. Wenn ich das nicht geschafft habe, stellte sich schnell ein Gefühl von Versumpfen und damit Sinnlosigkeit ein. Ich weiß jetzt, sie sind für mich das wichtigste Tool, um konzentriert arbeiten zu können und mich auch in anderen Bereichen, gut mit mir zu fühlen.

Welche Kommunikationswege nutzt du in der Isolation?

Der Computer wurde zum Tor zur Welt. Das war er vor Corona tatsächlich auch schon oft, weil ich mich immer international vernetzt habe. Der Unterschied jetzt, wir mussten als Gesellschaft mit einem Mal alle auf digitale Lösungen ausweichen und plötzlich war das auch möglich. Konferenzen, Meetings für Aufträge oder Supportgespräche mit anderen Künstler:innen, ich konnte das alles aus dem Atelier heraus, erledigen. Ich habe sogar Frida Kahlos Casa Azul in Mexico City besucht und bin durch ihr Atelier gelaufen. Digital.

Hast du etwas Neues über dich gelernt?

Vermutlich haben wir alle viel über uns gelernt, aber für mich ist klargeworden, wie gut behinderte Menschen mit Krisen umgehen können und wie viel besser behinderter Alltag uns offensichtlich auf Einschränkungen, kurzfristige Änderungen und auch psychische Belastungen vorbereitet. Natürlich gilt das nicht für alle behinderten Menschen und ich weiß, dass ich mich da in einer privilegierten Situation befinde, aber im Grunde sind diese Pandemie und alles, was damit zusammenhängt, dass was behinderte Menschen sonst Alltag nennen.

Gibt es etwas, das du nicht-behinderten Menschen sagen möchtest?

Behinderte Menschen sind keine abstrakte Gruppe, die auf der anderen Seite irgendeiner Brücke steht, sondern wir sind Teil aller gesellschaftlichen Gruppierungen. Wir sind nicht die Anderen. Wir alle stehen als Gesellschaft vor großen Herausforderungen und die werden wir nur lösen können, wenn wir sie divers angehen. Behinderte Perspektiven werden gebraucht. Ohne sie, werden viele Probleme zukünftig nicht gelöst werden können. Alleine das Pandemiemanagement wäre ein Besseres gewesen, wenn auf behinderte Stimmen gehört worden wäre.

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