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Katrin Dinges

35 Jahre, Autorin, Tänzerin, Kunstvermittlerin

Vereinzelt ernte ich schon ein bisschen Salat von meinem Balkon.

Aquarell-Zeichnung eines länglichen Blumenkastens aus Holz. Aus der braunen Erde im inneren ragen dicht nebeneinander viele grüne Blätter hervor. Manche sind schon höher als der hölzerne Rand des Kastens.
© Joshua Gundlach 2021

Wie hast du vor der Corona-Pandemie künstlerisch gearbeitet?

Ich habe Lyrik und gesellschaftskritische Essays sowie Kindergedichte und Geschichten geschrieben. Außerdem habe ich zeitgenössischen Tanz gemacht. Des weiteren habe ich mich mit haptischer Kunst beschäftigt – jedenfalls habe ich es so genannt; ich verstehe darunter Kunst, die sich fühlen lässt. Dabei war ich allerdings noch eher am Anfang. Außerdem habe ich als inklusive Kunst- und Kulturvermittlerin gearbeitet. Dabei habe ich oft die Leitung von Workshops zu Kunst und Kultur (mit)geleitet, bei denen Leute mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Zugangsbedürfnissen dazu angeregt werden sollen, sich mit künstlerischem Gestalten aktiv auseinanderzusetzen oder darüber zu reflektieren – vor der Pandemie war das v.a. präsent. Z.T. waren auch Sensibilisierungskurse zu Barrierefreiheit und Interviews zu meiner „Behinderung“ dabei – ich bin blind und stark schwerhörig, wodurch ich als taubblind gelte. Allerdings bin ich hörend aufgewachsen, weshalb ich gut lautsprachlich kommunizieren kann, aber leider keine Gebärdensprache beherrsche. Stattdessen nutze ich viel die Computertastatur in Kombination mit meiner Braillezeile und das Lormen, ein fühlbares Alphabet mit Klopf- und Strichzeichen auf der Handinnenfläche. Ich leide außerdem an einer chronischen Stoffwechselstörung, die als ursächlich für meine Sinnesbehinderung gilt und wodurch ich inzwischen leider dialysepflichtig bin und habe eine leichte körperliche Einschränkung durch einen OP-Folgeschaden am Bauch, was heißt, dass ich ständig einen Stützgurt tragen muss, um meine Körpermitte zusammenzuhalten, weil meine Bauchdecke nicht mehr stabil ist. Im August 2018 habe ich mein Studium der Literaturwissenschaften und europäischen Ethnologie, auch Kulturanthropologie genannt, an der Humboldt-Uni hier in Berlin abgeschlossen. In diesem Bereich konnte ich leider bisher nicht sozialversicherungspflichtig arbeiten, weil der Arbeitsmarkt so viele Ausschlüsse bereithält, aber mein BA-Thema, Märchenforschung, soll in meine künstlerische Arbeit und die freiberufliche Tätigkeit als Kunst- und Kulturvermittlerin einfließen. Aber dazu später mehr. Auch mein Bezug zu Pflanzen wird vermutlich in Zukunft eine Rolle spielen. Jedenfalls würde ich mir das sehr wünschen.

Wie hat sich deine Arbeitsweise seit März 2020 verändert?

Ich habe viel mehr digital gemacht, v.a. die Workshops und Gruppentreffen, die für Absprachen meiner Kunst- und Kulturvermittlung nötig waren. Außerdem habe ich auf diese Weise an Veranstaltungen teilgenommen. Direkte Treffen haben sich sehr stark reduziert. Meinen Tanzunterricht musste ich leider aufgeben. Ich gehöre mehreren Corona-Risikogruppen an und das war mir einfach zu riskant, an einem Ort zu sein, wo so viele Menschen und v.a. auch viele Kinder drinnen unterwegs sind und folglich die Ansteckungsgefahr sehr hoch ist. Aber es gab auch Probleme mit meiner Lehrerin. Aktuell hoffe ich, dass ich bald eine neue Möglichkeit finde, die vielleicht draußen stattfindet. Allerdings bin ich es nicht gewöhnt, in Schuhen zu tanzen. Na ja, mal abwarten. Sporadisch habe ich noch geschrieben, aber viel häufiger noch mal früher Geschriebenes wieder gelesen und überarbeitet oder mich mit anderen Schreibenden ausgetauscht. Außerdem habe ich viele Märchen gelesen und mir neue Formate überlegt. Mal abwarten, wie gut sie sich umsetzen lassen. Letztes Jahr hatte ich noch mehrere größere Aufträge und habe für meine Verhältnisse ziemlich gut verdient. Dieses Jahr sieht es diesbezüglich leider etwas mager aus. Viele kleinere Sachen läppern sich so nach und nach zusammen, aber es kommt deutlich weniger Konkretes und Verdienst rein als bisher. Ich würde gern sehr viel mehr eigeninitiativ machen, auch gern wieder ein Projekt mit anderen zusammen leiten, wie es 2019 der Fall war, aber momentan fehlt mir durch die Dialyse oft die Energie, wirklich effektiv und/oder kreativ was tun zu können. Einige Projektansätze durch andere Künstler:innen sind auch noch da, von denen ich noch nicht weiß, ob sie mir etwas einbringen können. Aber es geht auch grade deutlich mehr um Vernetzung. Ich habe mich außerdem für die Märchentage im November angemeldet und ein paar Online-Veranstaltungen vorgeschlagen. Mal abwarten, was daraus wird. Im Januar habe ich zusammen mit Freundinnen und Kolleginnen den Verein Platz Da! gegründet und bin sehr gespannt, wie sich das weiterentwickeln wird. Da geht es um inklusive Kunst- und Kulturvermittlung sowie Barrierefreiheit v.a. in Museen. Außerdem würde ich gern eine Homepage bauen, um das, was ich schon gemacht oder entwickelt habe, präsentieren zu können. Hierfür suche ich aber noch eine tragbare Partnerschaft zu Künstler:innen und Webdesigner:innen, die auch Ahnung von Accessibility haben. Zusammenfassend könnte man sagen, dass ich momentan mehr mit strukturellen Vorbereitungen, Planungen und Ideenfindung zu tun habe, als wirklich Kunst zu machen. Wobei ich mich künstlerisch auch endlich wieder intensiver engagieren möchte. Ich habe noch so viele Entwürfe für Geschichten in der virtuellen „Schublade“ liegen und viele Ideen für Gedichte, an denen ich gern arbeiten würde und möchte auch wieder mehr Essays schreiben. Aber ich weiß noch nicht, wann ich dazu komme.

Was bedeutet Isolation für dich?

Vor allem bedeutet Isolation für mich, keine Möglichkeit zu direkten sozialen Kontakten und Treffen zu haben. Das war aber wirklich nur in den allerersten Wochen des Lockdowns im März 2020 so. Da geht es anderen Menschen mit Behinderung, v.a. taubblinden Leuten, sehr viel schlechter als mir. Ich bin vor allem dankbar für meine Assistentinnen, die nach wie vor (wieder) zu mir kommen und durch die ich sehr viel mehr machen kann als es ohne ihre Unterstützung möglich wäre. Vereinzelt kann ich sogar schon wieder Freundinnen und Kolleginnen treffen, aber das findet eher häufiger noch online statt.

Was fehlt dir im Lockdown besonders?

Direkte Treffen mit Menschen, kulturelle Veranstaltungen und das Bummeln über Märkte fehlt mir am meisten. Aber das ist mit der ersten Impfdosis auch wieder besser geworden, weil ich mich dadurch wieder ein bisschen mehr traue, allerdings nicht übermäßig viel. Künstlerische Aktionen fehlen mir auch sehr, die ich früher gern mit anderen zusammen initiiert und gestaltet habe. Das ist leider seit Lockdown-Beginn kaum noch möglich. Digitale Formate funktionieren da leider einfach nicht besonders gut. Außerdem ist für mich, die ich auf Berührungen angewiesen bin, ein digitales Format wirklich nicht dasselbe wie ein direktes Treffen oder ein Workshop an einem konkreten Ort, wo ich die Atmosphäre direkt mitbekommen bzw. erspüren kann. Auch haben sich bei den wenigen direkten Treffen, die noch oder endlich wieder möglich sind, Berührungen auf ein absolutes Minimum reduziert und das ungezwungene gegenseitige Berühren, das früher viel selbstverständlicher war, vermisse ich wirklich sehr. Immerhin ist es noch in begrenztem Maß möglich und ja auch bei mir nicht zu vermeiden, weil ich es zur Orientierung und Kommunikation brauche. Auch finde ich es schade, dass ich nicht mehr in Baumärkte zum Pflanzen kaufen gehen kann. Das habe ich früher sehr gern gemacht und es war auch wichtig für mich, Pflanzen berühren und daran riechen zu können, bevor ich mich zum Kauf entscheide. Das habe ich kompensiert, indem ich mehr aus Samen selbst ziehe. Aber es ist wirklich nicht dasselbe. Obwohl es mir auch viel Freude macht, die Pflanzen wachsen zu sehen/fühlen, die ich selbst gezogen habe. Aber das ist trotzdem nur in einem gewissen Rahmen möglich. Hoffentlich wird es im Sommer wieder ein bisschen besser, denn einzelne Blumen würde ich schon gern auf meinem Balkon haben, bei denen ich mir nicht zutraue, die Pflanzen selbst zu ziehen. Auch kleine Reisen oder die Möglichkeit, Schwimmen zu gehen oder Wellnessangebote zu nutzen, finde ich schade. Aber das wird hoffentlich bald wieder besser. Früher hab‘ ich auch gern mal in einem Café gesessen oder mich dort mit Freundinnen getroffen. Aber das ist nicht ganz so tragisch, denn Tee gibt’s bei mir auch umsonst und im Moment will ich da auch gar nicht hin wegen der Ansteckungsgefahr. Aber früher hab‘ ich das sehr gern gemacht und freu mich auch wieder drauf, wenn es wieder möglich ist und ich den vollen Impfschutz habe. Auch das Stöbern in Kleidergeschäften oder auf Kunstmärkten vermisse ich, das ist zwar z.T. auch online möglich, aber ich fasse eben sehr gern Sachen an oder probiere sie an, bevor ich mich zum Kauf entscheide, was dann natürlich wegfällt. Aber das sind echt Luxusprobleme, wie mein Vater sagen würde. Meine Technik muss z.T. erneuert werden, was pandemiebedingt deutlich schwieriger ist als gedacht. Aber das wird schon. Am schwierigsten zu akzeptieren und auszuhalten sind wirklich die Treffen mit tollen Leuten, die wegfallen oder die größeren Probleme, neue Leute kennenzulernen oder gemeinsam Kunst machen zu können.

Was sind die angenehmen Seiten der Isolation?

Wie gesagt, erlebe ich mich nicht als sonderlich isoliert und denke öfter mit Schaudern an Leute, die noch stärker isoliert sind als ich, bei denen das, was ich am Anfang des Lockdowns erlebt habe, zur Normalität gehört. Aber ich finde es angenehm, dass ich nicht mehr zu so vielen Veranstaltungen direkt hingehen/-fahren muss. Das wäre neben der Dialyse auch kräftemäßig und organisatorisch gar nicht mehr möglich. Dadurch spare ich einiges an Zeit und Energie, weil die Veranstaltungen viel öfter online stattfinden. Dadurch kann ich in meiner Höhle bleiben und mich unmittelbar danach ausruhen. Das ist für mich eine große Erleichterung. Auch erlebe ich es als wertvoll, dass soziale Kontakte deutlich mehr wertgeschätzt werden, weil sie nicht mehr so selbstverständlich sind. Auch konzentriere ich mich mehr auf meine nähere Umgebung und habe deshalb einiges, was in meiner unmittelbaren Reichweite ist, sehr viel mehr zu schätzen gelernt. Beispielsweise wurde meine Wohnung im letzten Sommer renoviert und ich durfte für eine Ecke eine neue Farbe aussuchen. Das gefällt mir sehr viel besser als das Weiß davor. Auch mein Balkon wurde gestrichen. Jetzt ist in meiner Schlafecke ein schönes Türkis und der Balkon ist rot geworden. Außerdem habe ich neue Pflanzgefäße angeschafft und in der letzten Saison mit dem Samenziehen begonnen, was wirklich eine große Bereicherung in meinem Leben ist. Ich kaufe öfter auf dem Markt ein oder lasse mir Einkäufe mitbringen und habe einige tolle Bio-Lieferdienste entdeckt. Außerdem habe ich wie viele Leute mit dem Ausrümpeln begonnen. Leider steht das aussortierte Zeugs noch bei mir rum, aber das ändert sich hoffentlich bald. Es gibt mehr Möglichkeiten, hier bei mir schöne Sachen zu machen oder mich mit den Sachen zu befassen, die ich so hier habe. Außerdem habe ich meine Assistentinnen gebeten, einiges an Literatur, die hier noch analog vorhanden ist und die ich deshalb früher nicht lesen konnte, zu scannen und damit für mich zugänglich zu machen. Das dauert zwar ganz schön lange und frisst viele Assistenzstunden, aber es ist trotzdem sehr schön, endlich an diese Texte ranzukommen. Außerdem habe ich einen neuen Sport für mich entdeckt. Auch bin ich dabei, die Kunstmaterialien, die ich hier schon angesammelt habe, zu sortieren und mir zu überlegen, was ich damit noch machen könnte. Z.B. möchte ich Ketten machen und daraus Figuren formen oder ein Lernheft fürs Lormen gestalten. Auch könnte ich mir toll vorstellen, einige meiner kürzeren Texte bzw. Gedichte haptisch umzusetzen, so dass sie sowohl gut zu fühlen sind als auch visuell ansprechen. Oder Blumen in Form von Figuren zu pflanzen. Aber für all das brauche ich Assistenz, die mich bei den visuellen Aspekten unterstützen kann; daher dauert es ziemlich lange, das umzusetzen, weil eben auch der Alltag seine Zeit fordert. Aber das ist auch nicht schlimm, denn es drängt mich ja zum Glück niemand und ich muss mich eben außerdem auch noch um die wenigen Aufträge kümmern, die ich noch habe und die bezahlt sind oder Absprachetreffen erfordern und festgelegte Termine haben.

Was sind Strategien, um in der Isolation zurecht zu kommen?

Wie gesagt, funktioniert viel digital. Ich lese deutlich mehr als früher. Es entstehen neue Formate. Ich habe sogar mehr Assistenz als früher, weil neue Leute dazu gekommen sind und/oder einzelne mit der Taubblindenassistenzausbildung fertig geworden sind. Ich ändere manches an meiner Wohnung. Ich höre viel Musik und Hörbücher. Ich schreibe Mails und/oder chatte mit Freundinnen oder Kolleginnen. Beispielsweise habe ich an meinem Geburtstag ein Zoom-Treffen organisiert, weil es mir lieber war, als gar nichts zu machen und direkt war es ja leider nicht möglich. Ich arbeite auf meinem Balkon oder besuche vereinzelt Freundinnen in ihrem Garten oder treffe mich hier bei mir mit ihnen oder fahre Rad mit ihnen. Ich habe das Velomobilfahren für mich entdeckt. Ein Velomobil ist ein Tandem mit Sesselsitz vorne. Es tut mir echt gut, draußen unterwegs zu sein. Ich schmiede Pläne für die Zeit nach Corona und bereite einiges vor. Ich lese Märchen und finde tolle neue Texte, die mir gut gefallen. Leider ist auch viel Ramsch dabei, was ich aussortieren möchte, aber das kann ich ja nur durch Lektüre herausfinden, indem ich die Texte selbst kennenlerne und entscheide, ob ich sie mag oder nicht. Ich habe die Kontakte zu meinen liebsten Menschen intensiviert. Mit einer meiner Assistentinnen und Freundinnen schreibe ich regelmäßig Mails, die wie ein Gespräch funktionieren, wo wir in einer bestimmten verabredeten Zeit hin und her schreiben. Das ist sehr viel besser, als sich gar nicht austauschen zu können, wenn sie keine Zeit hat, zu mir zu fahren, weil sie mit ihrem Kind, dem Garten und ihrem anderen künstlerischen Job zu sehr eingespannt ist. Wir entwickeln in meiner Freiberuflichkeit digitale neue Formate oder planen Präsenzangebote für die Zeit nach Corona oder Sachen, die draußen funktionieren könnten. Ich lese viel Zeitungsnewsletter und suche dabei nach positiven, empowernden Texten, die tolle Nachrichten enthalten und nicht nur von dem Schrecklichen berichten, was in der Welt passiert. Vereinzelt ernte ich schon ein bisschen Salat von meinem Balkon. Wie gesagt, schreibe ich auch manchmal eigene Texte oder mache Pläne für meine eigene Kunst. Außerdem möchte ich mich um Kooperationen mit inklusiven und künstlerischen Organisationen und einzelnen Menschen kümmern. Das sind so ein paar Strategien, die mir bisher helfen.

Bitte nenn drei Gegenstände, die dir während der Zeit der Isolation besonders wichtig waren, oder die du in deiner Wohnung gefunden oder wieder entdeckt hast.

Dazu gehört auf jeden Fall das Velomobil. Das hab‘ ich leider nur sporadisch immer mal ein paar Wochen leihweise bei mir. Aber ich kümmere mich momentan um eine Finanzierung, um auch ein eigenes Rad bekommen zu können.

Als zweites würde ich die neuen Pflanzgefäße auf meinem Balkon nennen. Wie gesagt habe ich am Ziehen von Pflanzen aus Samen große Freude. Meine Mutter hat mir im letzten Sommer auch was Neues geschenkt, zusammen mit einer meiner Lieblingspflanzen, die ich toll fühlen kann.

Als Drittes bin ich sehr dankbar für meine neue Braillezeile, die nötig wurde, weil meine alte defekt war. Die läuft noch nicht ideal, aber daran arbeiten wir noch. Als ich sie eine Weile nicht nutzen konnte bzw. eine Weile ganz ohne funktionierende Technik war, habe ich gemerkt, wie sehr ich darauf angewiesen bin. Dazu gehört natürlich auch mein Computer mit der externen Festplatte, auf der viel Musik und Hörbücher gespeichert sind, ohne die mir oft sehr langweilig wäre. Außerdem gehört dazu auch mein Laptop, ohne den ich die digitalen Gespräche nicht durchführen könnte und mein Handy, das mich manchmal rettet, wenn sonst die Technik nicht funktionieren will und in der Dialyse wirklich im Verein mit der Braillezeile unverzichtbar ist. Auch für die Kommunikation mit meiner Assistenz ist alles sehr wichtig und um manchmal kurze Absprachen als Audiodatei aufsprechen zu können. Auch Kontakte zu meinen Freundinnen wären ohne diese Technik im Moment kaum möglich. Und für die Absprachen wegen der freiberuflichen Arbeit oder die Workshops wären ohne diese Sachen auch nicht drin. Oder digitale Lektüre wäre ebenfalls nicht möglich, was viel weniger anstrengend ist als Hörbücher oder Braillebücher, denn letztere sind viel schwerer und sperriger als meine Braillezeile.

Außerdem könnte ich natürlich auch die Braillebücher nennen, die ich wieder mehr zu schätzen gelernt habe oder einen schönen Schal, den ich mir im Dezember 2019 gekauft habe und den ich sehr mag, auch weil er mich an meine liebste Freundin erinnert, für die ich damals denselben Schal zu ihrem Geburtstag gekauft habe.

Oder es gäbe da noch meine Perlen, die ich so langsam wieder raushole, um Modeschmuck herzustellen. Bin gespannt, was dabei herauskommt. Aber dabei brauche ich sehende Hilfe für die Farbabstimmung und zum Verschlüsse anbringen. Darauf freue ich mich aber schon sehr.

Außerdem hat mein Vater einen tollen Foto-Kalender erstellt und eine wirklich schöne, ausführliche Bildbeschreibung dazu erstellt. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Er hat mir sogar schon weitere Fotos und Bildbeschreibungen versprochen, auf die ich mich sehr freue.

Ach ja, und die Sonne scheint früh morgens wieder in meine Wohnung. Dieses Jahr habe ich mich ganz besonders auf den Frühling gefreut und ihn noch viel mehr als sonst herbeigesehnt. Auch jetzt, während ich das hier schreibe, sitze ich in den Sonnenstrahlen. Das ist wirklich etwas Schönes, Besonderes für mich. Ab und zu kommen sogar ein paar Tauben angeflogen und gurren auf meinem Balkon oder ein Rabe krächzt auf dem Dach gegenüber. Das finde ich echt toll.

Gibt es eine neue Gewohnheit oder ein Verhalten, das dir in dieser Zeit geholfen hat?

Auf jeden Fall das Velomobilfahren. Dann das Samenziehen. Ich lasse mir auch immer öfter von meinen Assistentinnen etwas kochen oder vorbereiten. Das ist eine Hilfe, wenn ich erschöpft und ausgehungert von der Dialyse komme, aber auch an anderen Tagen, weil ich meistens nicht die Energie fürs Kochen aufbringen kann. Aber wenn ich es ausnahmsweise doch endlich mal wieder selbst schaffe, finde ich es wirklich toll und genieße es sehr. Neulich gab es Samstagabend selbstgekochten Spargel und Paprika mit Lachs aus dem Dampfgarer, richtig gut gewürzt, das war sehr lecker. Nur klappt das leider nicht mehr so oft, wie ich gern möchte. Deshalb finde ich es schön, wenn ich zumindest selbst entschieden habe, was andere für mich machen sollen und wenn beim nach-Hause-kommen etwas Leckeres auf dem Herd oder im Kühlschrank auf mich wartet.

Die Zeitungsnewsletter lese ich inzwischen zum Teil sehr gerne, weil sie mich einerseits über das Tagesgeschehen informieren und andererseits zum Teil wirklich viel zum Lachen bringen.

Ich telefoniere öfter mit meinen Eltern als früher, um organisatorische Fragen zu klären und um meinen Frust über die teilweise sehr erschöpfende und schmerzhafte Dialyse loszuwerden oder ihr Gemecker über den Lockdown anzuhören oder mich nach den Fortschritten der Rotkehlchenkinder auf ihrem Balkon zu erkundigen – mit anderen Worten: gegenseitig füreinander da zu sein, weil wir uns ja schlecht jeden Tag treffen können, da die Fahrt von ihnen in Steglitz zu mir im Tiergarten für einen Weg fast eine halbe Stunde dauert.

Ich rümple Klamotten und sonstiges aus, muss aber noch eine Möglichkeit finden, es irgendwo zu spenden, damit es mir nicht in meiner Wohnung die ganze Zeit im Weg rumsteht.

Ich habe im Winter einen Empowerment-Newsletter für Freundinnen begonnen, der allerdings wegen Technikproblemen schon wieder ziemlich lange pausieren musste. Aber ich hoffe, dass ich damit bald wieder loslegen kann, weil es so viel gibt, was ich gern mit ihnen teilen würde.

Welche Kommunikationswege nutzt du in der Isolation?

Viel läuft digital, per Mail oder Chat. Wie gesagt spreche ich auch öfter kleine Nachrichten mit dem Handy auf, wenn ich zu müde dafür bin, am PC zu arbeiten oder die Bluetooth-Verbindung nicht so will wie ich. Das Schreiben mit dem Laptop und der Braillezeile wird viel frequentiert, wenn Freundinnen oder Assistenz bei mir zu Besuch sind und das Lormen ist sehr wichtig für mich. Lautsprache kommt natürlich auch zum Einsatz, aber das wird zunehmend mühsam und anstrengend, weil die Menschen, die es ausschließlich nutzen, leider oft auch keine große Rücksicht auf meine Kommunikationsbedürfnisse nehmen. Deshalb mache ich es nicht mehr so gerne, auch wenn es gut ist, dass es zur Not nach wie vor funktionieren kann, allerdings mehr gezwungenermaßen und nur so lala. Taktil ist auf jeden Fall besser.

Hast du etwas Neues über dich gelernt?

Ja. Beispielsweise, wie wichtig mir die Kontakte sind, die ich noch habe. Auch ist es mir wichtig, mich möglichst gut um mich selbst zu kümmern und zu kommunizieren, wie viel ich schaffen kann. Leider bin ich da zunehmend eingeschränkt. Aber es wird zum Glück teilweise auch wieder besser. Ich merke, dass ich langsam keine Lust mehr habe, zu allen nett zu sein, v.a. wenn mir etwas wirklich gegen den Strich geht. Andererseits werde ich von manchen Menschen auch sensibilisiert, was Rücksichtnahme und Bedürfnisorientierung angeht. Ich sehe auch zunehmend nicht mehr ein, warum ich denselben Anforderungen wie für gut sehende und hörende Menschen genügen sollte. Ich merke, dass ich Lust daran habe, mich zu informieren und Neues dazuzulernen. Außerdem ist es für mich wichtiger denn je geworden, für mich einen Sinnzusammenhang zu finden und mich beruflich weiterzuentwickeln, meinen eigenen Stil zu finden, auch was Kleidung oder Einrichtung angeht oder in meinem künstlerischen Schaffen. Das ist aber noch im Werden. Auch was meinen Balkon und die Pflanzen angeht, bin ich noch dabei, meinen eigenen Weg zu finden. Ich habe nicht mehr so ein blödes Gefühl dabei, Sachen zu delegieren, weil ich eh nicht alles allein schaffen kann. Es ist mehr Raum für mich entstanden, um mir Fragen zu stellen und zu reflektieren. Das finde ich gut, aber manchmal belastet es mich auch.

Ganz langsam entsteht auch wieder mehr Raum für meine Kunst, zumindest fürs Planen. Hoffentlich kann ich bald auch viel von meinen Plänen umsetzen. Denn es ärgert mich maßlos, wenn ich zu lange nicht selbst kreativ tätig geworden bin, denn ich weiß, dass es mir guttut, dass ich das gut kann und dass ich eigentlich nur den Kanal dafür öffnen oder den Raum dafür schaffen muss, damit es fließt. Aber in letzter Zeit habe ich mehr Ausreden vor mir selbst gefunden, warum ich es angeblich gerade doch nicht machen kann – zu erschöpft, zu wenig Zeit etc. – als mich wirklich endlich dranzusetzen und es einfach durchzuziehen, egal wie klein oder unvollkommen das ist, was letztlich dabei herauskommt. Das finde ich sehr schade und ich versuche, herauszufinden, woran das liegen könnte. Aber manchmal schiebe ich leider auch diese Reflexionen vor mir her. Na ja, vielleicht klappt es ja bald endlich mal wieder. Ideen gäbe es genug. Vielleicht helfen da Partnerschaften oder Coachings. Darauf hoffe ich ein bisschen, weil es dann feste Zeiten geben würde, um mich dranzusetzen, am besten draußen oder mit anderen zusammen. So was hat mir schon oft geholfen und mich inspiriert.

Gibt es etwas, das du nicht-behinderten Menschen sagen möchtest?

Vielleicht, dass es immer subjektiv ist, was man als unangenehm empfindet. Jedes Empfinden von Belastung ist anders und berechtigt. Obwohl ich auch manchmal wütend werde, wenn andere, die vermeintlich ein sehr viel leichteres Leben haben als ich, sich beschweren. Dann denke ich manchmal: ‘Reg dich nicht so auf, du hängst wenigstens nicht alle paar Tage an so blöden Nadeln!’ Das ist natürlich ungerecht, aber manchmal weiß ich echt nicht mehr, wie ich diese Zeiten mit den schlimmen, mörderisch brutalen Schmerzen im Kopf durch Verspannungen und viel zu hohem Blutdruck und infolgedessen im ganzen Körper noch aushalten soll, weil ich ja auch nichts daran ändern kann. Da weiß ich dann, dass es noch den gesamten restlichen Tag und manchmal sogar noch die nächste Nacht fast genauso schlimm sein wird und es ist echt manchmal kaum noch zu ertragen oder ich heule vor Schmerzen und damit verbundener Übelkeit – und da empfinde ich dann z.B. so was wie Genervtsein und Gemecker oder schlechte Laune, weil man nicht verreisen kann, einfach unverhältnismäßig. Als ich aber neulich einer Assistentin davon erzählt habe, wie es bei mir so ist und sie richtig geschockt war und meinte, dass ich ihr voll Leid tue, hab ich auch ein richtig schlechtes Gewissen gekriegt und gedacht: „Na ja, so schlimm ist es auch wieder nicht.“ Da hätte ich es gern wieder abgewiegelt. Da war es nur leider schon zu spät. Insofern ist das alles relativ. Es gibt auch genügend Schönes in meinem Leben und vieles, wofür ich dankbar sein kann. Neulich habe ich einen Artikel über einen Typen gelesen, der weder Arme noch Beine hat und er meinte, er sei nicht „behindert“, weil er ja eigentlich nichts vermisse. Da hab‘ ich auch geschluckt, mich aber auf der anderen Seite auch wiedergefunden. Ich sehe mich weder als Opfer noch als isoliert. In vieler Hinsicht habe ich wirklich Glück gehabt, auch wenn mir das viele nicht abnehmen würden, die bei meiner Form von „Behinderung“ auch schockiert sind und es schrecklich finden, mitleidig reagieren oder mich bedauern und sich „das gar nicht vorstellen“ können. Aber für mich ist das ja mein Alltag. Deshalb finde ich das weder schrecklich noch will ich Mitleid. Ich möchte einfach wie ein Mensch behandelt werden. Diejenigen, die mich wirklich mögen und respektieren, tun das auch. Sie nehmen den Laptop und tippen rein oder lernen Lormen und dann fühle ich mich auch nicht mehr „behindert“, weil ich das habe, was ich brauche und uneingeschränkt mit den Menschen kommunizieren kann, die mir wichtig sind. Ich hab‘ meine Assistenz, einige wenige enge Freundinnen, die mir Kraft geben, ich kann Musik, Düfte und die Natur genießen, mich beruflich und persönlich entfalten – alles Sachen, die vielen Menschen nicht offen stehen. Deshalb fühle ich mich meistens weder benachteiligt noch isoliert. Das ist nur der Fall, wenn Sachen nicht funktionieren, wenn Leute auf meiner Würde mit Füßen herumtrampeln, ich Schmerzen aushalten muss, die nicht zwangsläufig sein müssten oder Leute sich weigern, meine Kommunikationsformen zu benutzen. Leider noch häufig genug der Fall, aber eben auch nicht übermäßig oft. Die Leute, die mir persönlich wirklich wichtig sind, machen das zum Glück anders. Daher bin ich einfach dankbar, dass ich sie habe und mit dem Rest muss ich ja zum Glück  nicht zwangsläufig viel mehr als unbedingt nötig oder im Zweifelsfall auch gar nichts zu tun haben. Das funktioniert dann, abgesehen von meinen Eltern, auch nicht langfristig bzw. ziehe ich mich dann meistens relativ fix zurück, weil ich darauf weder Lust noch Kapazitäten dafür habe. Da stecke ich meine Energie dann lieber in Beziehungen, von denen ich mehr habe. Vielleicht wäre es gut für Menschen ohne Behinderung, sich klarzumachen, wo ihre Privilegien liegen und diese wertzuschätzen. Außerdem fände ich es toll, wenn die Gesellschaft mehr Wert auf Diversität legen und die Bereicherung sehen könnte, die jeder Mensch bieten kann. Auch für Kommunikationsformen gilt: Sie können bereichernd und spannend sein. Ich erlebe es immer wieder als faszinierend, wie viele, unterschiedliche Wege es da gibt und wie viel möglich ist, wenn man sich wirklich bemüht und beide Seiten die Kommunikation eindeutig wollen. Dann kann jede Kommunikation und Begegnung als Freude erlebt werden und man kann voneinander lernen. Ich habe neulich etwas erlebt, das mir auch in Sachen Selbstwertgefühl eine enorme Lehrstunde war: Meine liebste Freundin hat mir erzählt, ihr kleiner Sohn hätte einen Superhelden, der unsichtbar ist und von dem er ihr immer erzählt. Der kann z.B. tolle Häuser bauen und hat eben ganz viele Superkräfte. Unter anderem ist er blind und taub. Da hab‘ ich gestaunt und mich riesig gefreut, weil ich nie gedacht hätte, dass man das als Superkräfte erleben kann. Es geht also nicht nur darum, wie man ein sogenanntes Defizit selbst erlebt. Dieses Kind kam in die Schule und meinte so: „Die sind ja alle voll dumm, die wissen gar nichts, die kennen ja nicht mal Fühlschrift!“ (Er meinte Braille! 🙂 ) Außerdem hat er Kontakt mit einem Jungen bekommen, der kaum spricht und dafür eine abgewandelte Form von Gebärden für Kinder benutzt. Dann stand dieser andere Junge im Gartenbeet und hat Grimassen geschnitten. Er ist also spielerisch damit umgegangen und lernt bei seiner Mutter, die Taubblindenassistentin werden will, schon ein bisschen Lormen und Gebärden so ganz nebenbei mit. Ich würde mir wünschen, dass es in Zukunft viele solcher Kinder gibt und dass auch viele Erwachsene offener sind/werden, wie meine Freundinnen mit Kommunikationsformen zurechtkommen und merken: So schwer ist das ja gar nicht, es kann sogar eine Freude und faszinierend und ganz leicht sein, das hinzukriegen. So etwas sollte einfach viel mehr zum Alltag gehören. Ich würde mir wünschen, dass es öfter so läuft wie in manchen Gruppen, wo ich es so erlebe: Die Leute lernen einfach ganz nebenbei voneinander, wie die Kommunikation mit mir funktioniert und finden das normal, machen es einfach mit, ohne groß darüber nachzudenken, weil sie ein Interesse am Austausch mit mir haben und fragen höchstens mal, wie sie es am besten machen sollen oder ob schriftliches Englisch für mich okay ist, aber es wird kurz geklärt und dann geht es um inhaltliche Themen wie Kunst, Kultur, Politik, Diversität oder Gesellschaft, persönliche Zusammenhänge oder etwas, das mit der Gruppe zu tun hat und um Gemeinsamkeiten, nicht mehr Unterschiede oder Abgrenzungen. Ich wünsche mir, dass Treffen bald wieder mehr möglich sind und Berührungen nicht mehr mit dieser Unsicherheit oder Vorsicht einhergehen, sondern wieder ganz selbstverständlich zum zwischenmenschlichen Miteinander gehören werden.

Außerdem wünsche ich mir, dass ich bald wieder uneingeschränkt künstlerisch tätig sein kann und dass Ergebnisse nicht mehr mit diesem „Behindertenbonus“ betrachtet werden – „Du machst das ja so toll! Ich finde dich so mutig.“ etc., sondern dass es um die Reflexion der Qualität oder Ausprägungsform der Kunst an sich geht. Eine Freundin sagte mal, als ich sie fragte, ob sie meine Kunst anders wahrnehmen würde, wenn sie nichts von meiner Behinderung wüsste, dass sie es nicht wisse, denn sie habe mich beim Tanzen kennengelernt, habe sich mit mir tänzerisch bewegt und mich darüber körperlich erfahren, es sei nicht um meine Behinderung gegangen, sondern um den gemeinsamen Tanz. Ich würde mir wünschen, dass es mehr solche direkten Austauschmöglichkeiten gibt, denn darüber lernt man sich ganz anders kennen, als man es „nur“ im verbalen Gespräch tun würde und ich denke, nur weil wir so intensiv miteinander im körperlichen Kontakt waren, konnten wir uns mit so viel Tiefe und Aufrichtigkeit kennenlernen und später entspannt zusammenkommen. Oder bei einer anderen Freundin hat viel über reflexiven verbalen Austausch und Berührungen funktioniert. Ich würde mir wünschen, dass ich noch viel mehr solcher Kontakte finden und mit ihnen auch tänzerisch oder künstlerisch tätig werden kann, um einen intensiven, ungezwungenen und tiefgehenden Kontakt aufzubauen, der beiden Seiten wirklich etwas gibt, so dass die Zusammenarbeit und Freundschaft wirklich auf Gegenseitigkeit beruht und über ein gegenseitiges, intensives, berührendes, persönliches Interesse aneinander aufgebaut werden und dadurch langfristig bestehen bleiben kann. Denn solche Begegnungen sind besonders wertvoll für mich und ich genieße sie sehr.

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