Echo-Logo: Schriftzug mit Schallwellen

Steven Solbrig

36 Jahre, Performer:in, Bildende:r Künstler:in, Fotograf:in, Vermittler:in

Bestimmte Bedürfnisse lassen sich nun einmal nicht wegoptimieren.

Aquarell-Zeichnung eines senkrechten phallusförmigen Objekts. Am linken unteren Rand ist eine Art Henkel. Am rechten unteren Rand eine gebogene Ausformung mit Knubbel. Dickflüssige Tropfen bedecken die Oberfläche.
© Joshua Gundlach 2021

Wie hast du vor der Corona-Pandemie künstlerisch gearbeitet?

Nach einem Jahr Corona scheint es mir oftmals, als könnte ich mich eigentlich gar nicht mehr daran erinnern, wie mein Leben auf sozialer und beruflicher Ebene vor Ausbruch des Virus war. Da verschwimmt mittlerweile einiges.

Aber natürlich sehe ich da einen deutlichen Unterschied: „Früher“ habe ich mich beispielsweise recht flexibel mit Bandkolleg:innen in Proberäumen treffen können. Fototermine konnte ich recht unbeschwert im Studio anbieten. Seminare und Workshops konnte ich konzeptionieren und dann auch wirklich durchführen. Außerdem konnte ich die Bibliotheken nutzen, die seit Jahren mein hauptsächlicher Arbeitsplatz sind.

Vor allem konnte ich vor Corona reisen, mich örtlich (fort)bewegen. Das ist für mich wichtig. Denn ich brauche das Gefühl mich in Räumen zu bewegen, gewissermaßen vor meinen inneren Schweinehund ortszuwechseln. All das gibt es für mich seit circa zwölf Monaten nicht.

Wie hat sich deine Arbeitsweise seit März 2020 verändert?

Na ja, den ersten Lockdown sah ich zunächst noch als eine Art Knopfdruck auf die Pause-Taste, als generelle Entschleunigung. Ich habe viel recherchiert, Bücher gelesen, die ich schon immer lesen wollte oder Filme gesehen, die schon lang auf meiner persönlichen Liste standen. Ich habe Liegengebliebenes ordnen können und neue Ideen für Projekte entwickeln können.

Am Anfang der Pandemie hatte ich sogar den Eindruck, dass der Virus innerhalb der Gesellschaft trotz Mindestabstand neue Formen des Zusammenrückens fördern würde, dass aus ihr neue solidarische Momente des zwischenmenschlichen Umgangs erwachsen könnten. Auch im Kunst- und Kulturbetrieb poppten doch recht schnell soziale Initiativen auf. So nähten beispielsweise Kostümbilder:innen vorübergehend geschlossener Stadttheater im Akkordtempo Mund- und Nasenmasken für Menschen in Flüchtlingsunterkünften. Oder  geblaupauste junge Kreative organisierten Einkaufshilfen für Personen der Risikogruppe.

Ich finde jedoch, dass dieser solidarische Umgang relativ schnell wieder gekippt ist. Die Lage von marginalisierten Gruppen in jener Pandemie, zu denen ja auch noch immer Personen mit Behinderung zählen, schien alsbald im öffentlichen Diskurs nicht mehr so wichtig. Ein unverhohlener Schlag ins Gesicht, auch für Künstler:innen mit Behinderung, war sicherlich die Debatte über die mögliche Einführung der Triage. Allein, dass darüber überhaupt nachgedacht wurde, zeigt wieviel Ableismus und Sozialdarwinismus in der Mehrheitsgesellschaft tatsächlich rumwabert.

Das liegt sicherlich daran, dass wir die Konsequenzen der Corona-Pandemie, zwar in unterschiedlicher Weise, aber alle unmittelbar in unserem Lebensalltag spüren. Die Welt jeder einzelnen Person scheint geschrumpft. Das unmittelbare Lebensumfeld ist zum alleinigen Nabel der Welt geworden. Das Social Distancing hat so zu mehr sozialer Distanz zwischen den unterschiedlichen sozialen Gruppen geführt.

Das habe ich in den letzten Monaten persönlich sehr gespürt. Mein engerer Freund:innenkreis besteht aus vielen Paaren oder jungen Familien. Die hatten sich am Anfang von Corona sehr ins Private zurückgezogen und logischerweise versucht, erst einmal auf sich Acht zugeben. Die waren praktisch wie vom Erdboden verschluckt. Ganz ehrlich, von vielen habe ich mich schon vergessen gefühlt oder gar bewusst gemieden gefühlt. Da wächst und wuchs nun eben auch eine Distanz untereinander. Und das hat den Umgang zwischen uns nachhaltig beeinflusst. Wir sprechen mittlerweile anders miteinander, vielleicht sogar ein Stück mehr an der Oberfläche. Sorgen oder Bedürfnisse werden bei unseren gelegentlichen Telefonaten und Treffen eigentlich nicht mehr wirklich auf den Tisch gepackt.

Mir zeigt die anhaltende Krise sehr deutlich, dass bei allen was wir in den letzten fünfzehn Jahren an progressiven Dingen erreicht haben, sei es beispielsweise in puncto Diversität oder Inklusion, in Notfällen dann doch auf die jahrhundertelangen verinnerlichten binären Muster herunter gebrochen wird, die nach wie vor mehrheitlich unsere individuelle Teilhabe bestimmen.

Dieser unsägliche, einzige Fail seitens der Bundesregierung hinsichtlich des Virusmanagements macht nun weitere gesellschaftliche Hierarchien auf, fördert Ausschlüsse und trifft letztlich wieder Personen, die zwischen den mehrheitsgesellschaftlichen Kategorien hängen. In Prinzip braucht es gar nicht die Furcht vor noch mehr rechten Arschlöchern in den Parlamenten. Der Virus mäht derzeit viele geschaffene alternative Lebensentwürfe weg. Wobei es eben nicht DER Virus ist, denn letztlich sind wir alle für die Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft (mit) verantwortlich.

Auf beruflicher Ebene spüre ich, wie sehr diese Pandemie meine kreativen Energien frisst. Ich bin genau zum zweiten Lockdown für ein theatralisch-performatives Projekt nach Leipzig gezogen. Da meine Kollegin selbst zur Risikogruppe gehört, konnten wir nur unter äußerst schwierigen Bedingungen an unserem entstehenden Stück arbeiten. So mussten wir uns auch im tiefsten Winter großenteils nur draußen treffen. Den öffentlichen Nahverkehr konnte ich auch bei Schneefall oder vereisten Straßen nicht nutzen. Unser Proberaum war anderthalb Stunden von meiner Wohnung entfernt. Um am Projekt überhaupt arbeiten zu können, musste ich meine eh schon spärlichen Kontakte in Leipzig so noch krasser beschränken.

Was bedeutet Isolation für dich?

Wenn wir uns die Etymologie von Isolation anschauen, dann finden wir die semantischen Wurzeln des Wortes im Lateinischen „īnsulātus“, das heute übersetzt so etwas wie „zur Insel gemacht“ bedeutet. Ich finde, das passt zu meinem Stand-By-Modus des Home-Office ganz gut.

Seit dem zweiten Lockdown sind die Bibliotheken mehrheitlich geschlossen oder deren Arbeitsplätze streng limitiert. Doch gerade die waren und sind für mich als Rückzugsraum wesentlich für meine Arbeit. Seither arbeite ich ausschließlich von zu Hause aus. Seit mehr als einem halben Jahr besteht meine (Arbeits-)Welt im Grunde so nur aus meinem WG-Zimmer. Sie erstreckt sich von meinem Bett zu meinem Schreibtisch und wieder zurück.

Und ja, klar ermöglicht die durch die Pandemie wachsende Digitalität neue Zugänge, auch für Künstler:innen mit Behinderung. Doch ich finde, diese neuen digitalen Räume eigenen sich allerhöchstens für einen formalen Informationsaustausch anstatt für zwischenmenschliche Begegnungen.

So gibt es Tage in der Woche, an denen ich außerhalb des Zoom-Universums eigentlich mit niemanden wirklich spreche. Gleichzeitig merke ich, dass mir immer mehr der Antrieb fehlt, Energie aufzuwenden, um in soziale Interaktionen zu treten.

So vermisse ich im Lockdown am meisten die zwischenmenschlichen Begegnungen. Die machen meiner Meinung eben einen wesentlichen Teil des Kulturbetriebs aus. Ein Großteil der Kunst entsteht doch eigentlich fern des künstlerischen Artefakts, zum Beispiel bei der Vernissage, bei der Premierenfeier, beim Nachgespräch oder eben der Afterhour. Kunst lebt davon, dass wir sie gemeinsam erleben, dass sie uns in irgendeiner Weise berührt, dass wir uns durch sie berühren, um es einmal ein wenig „eso“ auszudrücken.

Davon ab, noch immer ist gar nicht klar, ob all die Konzepte und Projekte, an denen ich derzeit arbeite, in diesem Jahr überhaupt umgesetzt werden. Dieser Schwebezustand des On/Off raubt Energie und macht mürbe.

Ich glaube, dass es mir nicht nur allein so geht. Der zweite Lockdown, der ja auch die Kulturbranche sehr hart traf, hat selbst der optimistischsten Kulturakteur:in gezeigt, welchen Stellenwert die Kultur für die jetzige Bundesregierung im Grunde hat. Viele sind einfach enttäuscht und frustriert.

Neben der Existenzangst macht sich zudem im Kulturbetrieb gerade eine Haltung breit à la „Na ja, nach Corona machen wir dann wieder richtig Kultur.“ Für mich stellt sich dann die Frage: Was machen wir dann bis dahin?

Eins scheint klar, eine Kunst im stillen Home-Office verkümmert nun einmal unweigerlich. Kunst braucht Resonanz und die Räume für diese sind gerade weitestgehend geschlossen.

Was sind Strategien, um in der Isolation zurecht zu kommen?

Eine nennenswerte neue Gewohnheit, um mit der jetzigen Situation besser klarzukommen, ist für mich das Kaugummikauen, auch wenn mich das ein oder andere Gendersternchen dafür jetzt verteufeln wird. Das ist mittlerweile schon fast chronisch und sagt für manche: wahrscheinlich viel über meinen Gemütszustand aus. Dennoch beruhigt es meine Nerven.

Aber ganz ehrlich, meine Exit-Strategie gegen die Lethargie, die die jetzige Situation provoziert, ist eigentlich die Arbeit. Das ist schon sehr perfide, weil ich dem neoliberalen Arbeitsethos von jeher misstrauisch gegenüberstehe. Doch angesichts der noch immer sehr unvorhersehbaren Lage im Kunst- und Kulturbereich bin ich quasi gezwungen noch mehr Aufträge als wie gewohnt anzunehmen. Denn es kann ja sein, dass der ein oder andere Job dann letztlich doch wieder wegfällt, sogar ohne ein Ausfallhonorar.

Abgesehen davon, ist der Zugang zum Kulturbetrieb für Künstler:innen mit Behinderung ja auch ohne Corona noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Davon ab kompensiere sich mit der Arbeit ganz viel Mangel an fehlender Zwischenmenschlichkeit. Fern von Kunst und Kultur, fehlen mir generell Berührungen jeglicher Art. Das tut manchmal schon körperlich weh, so sehr, dass ich oft nicht schlafen kann, auch wenn ich mega müde bin. Doch das traue ich mich eigentlich schon lang nicht mehr irgendwo zu sagen. Darum auch eben jener, für mich in dieser/für diese Zeit, u.a. sehr wichtige Gegenstand, als Symbol, für ein Jahr, in dem sich wahrscheinlich auch viele andere in ihrem Leben mit sehr viel Einsamkeit konfrontiert sahen und sehen. Mit diesem Gegenstand geht es mir also mehr als nur um eine ausgestellte Provokation. Für mich ist dieser Dildo eher ein Denkmal für das zurückliegende Jahr, für die zahlreichen Spaziergänge allein, die frustrierten Freitagabende auf Tinder, die Telefonate, in denen Menschen so monoton weit weg schien und vor allem die Angst vergessen zu werden. Er ist ein Mahnmal, gegen die wieder erstarkende Binaritiät im Zwischenmenschlichen und gegen den Familismus als Allheilmittel in Krisenzeiten. Haltet durch! Bestimmte Bedürfnisse lassen sich nun einmal nicht wegoptimieren. Da nützt irgendwann kein Atemtraining oder eben ein „Selfie-Stick“.

Hast du etwas Neues über dich gelernt?

Puh, ja, nein, vielleicht. Immerhin: Mit Yoga kann ich noch immer nichts anfangen. Aber ich habe es wirklich versucht.

Gibt es etwas, das du nicht-behinderten Menschen sagen möchtest?

Gerade angesichts dieser pandemischen Zeiten: „Check mal endlich den von dir verinnerlichten Ableismus, Mehrheitsgesellschaft! The Körper is still a battlefield!”

Links

Schriftgröße einstellen
Kontrast