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Gerald Pirner

Autor, Fotograf

Glaubt bloß nicht, dass wir heulen.

Aquarell-Zeichnung eines flachen technischen Geräts mit abgerundeten Ecken. Auf der Oberseite des Geräts sind ein Nummernblock und weitere Tasten. An der Seite sind Anschlüsse für Kabel erkennbar.
© Joshua Gundlach 2021

Wie hast du vor der Corona-Pandemie künstlerisch gearbeitet? 

Neben meiner Arbeit am Computer zur Erstellung für Texte brachte ich vor allem Zeit im Fotostudio zu, wenn ich nicht in Museen oder im Theater oder Kino Material für meine Texte suchte und erarbeitete. An einem festen Termin jede Woche trafen sich ein Modell, meine Assistentin an der Kamera und meine Wenigkeit als blinder Fotograf mit der Taschenlampe im Fotostudio, um nach festem Konzeptplan fotografische Serien zu erarbeiten. 
Mein Geld verdiente ich aber damals hauptsächlich einerseits mit Workshops an Schulen und Freizeiteinrichtungen zu Lightpainting. Zum anderen als einer der Blinden ReporterInnen, wo ich in Museen Gespräche mit Kurator:innen und Künstler:innen aber vor allem mit Besucher:innen führte, die mir Exponate ihrer Wahl beschreiben sollten, deren Aufnahmen auf der Seite der Blinden ReporterInnen veröffentlicht wurden.

Meine Essays über Musik, Film und Theater wie Tanz nährten sich freilich bei entsprechenden Veranstaltungen in Konzerten Kinos und Theatern. Nicht zu vergessen sei freilich der Austausch über all diese Aktivitäten mit anderen beim Essen am großen Küchentisch.

Wie hat sich deine Arbeitsweise seit März 2020 verändert? 

Man muss hierbei mehrere Phasen des Lockdowns unterscheiden: da war die erste Phase, in der die Corona-Zeit durchaus als einzig entspannend empfunden werden konnte. Ich zog mich an meinen Schreibtisch zurück, den ich nur für Spaziergänge verließ, schrieb viel, hörte viel Musik und Hörbücher, schaute Filme auf DVD, die ich schon lange schauen wollte.

Mein Fotografieren konzentrierte sich mit Hilfe meiner Assistentin auf Selbstporträts, die ich in einem gemeinsamen Projekt mit der sehenden Fotografin Sonia Klausen zu einem Dialog ausbaute, in den wir mehr und mehr Text in Richtung von Konzeptarbeit einbauten: jeder, jede antwortete mit einem Foto auf das Foto des, der anderen, begleitet von intensiver Mailkommunikation und Telefonaten.  

Die zweite Phase könnte man als „auf der Schwelle hin zum rein Digitalen“ bezeichnen. Veranstaltungen fanden mit Maske und begrenzter Besucherzahl statt und man gewöhnte sich langsam an die ganz spezielle Akustik des Maskengenuschels, glaubte als Blinder nicht mehr, die anderen haben alle einen Sprachfehler. Vereinzelt fanden noch Workshops statt, die sich aber auch nur auf Selbstporträts der Teilnehmer:innen beschränkten, was von einem Blinden als Absurdität empfunden werden musste, steht im Zentrum des Lightpaintings doch die Berührung, die ja nicht mehr stattfinden konnte und sich alles nur noch auf Beschreibung von Bildern beziehen konnte. Und doch war diese Zeit genau die richtige Vorbereitung auf die absolute Un-Körperlichkeit, die in der dritten Phase folgen sollte.

Workshops wurden endgültig und ausnahmslos abgesagt. Dann die vermeintliche Rettung und, das muss man tatsächlich sagen. Es kündigte sich etwas vollkommen Neues an: das Denken des Körperlosen als imaginär begreifende Handlung. Der Lightpainting-Workshop im Zoom. Dem Blinden bleibt nur mehr das Ohr, verdrängt sind Geruch, Spürsinn und Tastsinn.  Das Gehirn weitet seine Übersetzungsarbeit in Sprache in eine nie geahnte Dimension aus. Wirklichkeit scheint eine einzige Audiodeskription zu sein, die nun aber die Blinden in noch weiterem Maße mit Bildern bombardiert als es bisher geschah: keine Kommunikation mehr ohne Deskription, die absolute Überforderung von Assistentin und Blindem. Rettung verspricht hier einzig das Ausschalten des Videos im Zoom. Man könnte die dritte Phase also als Sitzen im körperlosen digitalen Hör-Raum bezeichnen. Zoom und Telefonkonferenzen am großen Küchentisch. Theater und Tanz digital und Abnahme von Audiodeskriptionen als Evaluationen.

Die Überpräsenz der Bilder wird vor allem für mich als bildlos Lebenden erdrückend, da sie zu einer Überpräsenz von Beschreibungen führt, deren erschlagende Folge ein jedes Mal spätestens nach einer Stunde durchschlägt, wenn nicht erschlägt, denn in einem normalen körperpräsenten Gespräch achte ich als Blinder nicht zuallererst auf Bekleidung und Aussehen. Ich werde so gezwungen mir die Wahrnehmungsgewohnheiten der Sehenden anzueignen.

Meine Zeiten mit dem „Daisy Plextalk“ konnte ich in diese Zeit dennoch rüberretten, allerdings verbannt in die späte Nacht, wo mir der Recorder zu einer Art akustischer Insel wurde, in der ich mit einem Glas guten Weines den Tag ausklingen lassen konnte. Was meine Fotoarbeit betrifft, zog ich mich hier ausschließlich auf Selbstporträts zurück und baute meinen Dialog mit Sonia Klausen aus. Konzentration auf Selbstportraits – gezwungenermaßen und ein Corona-Projekt mit Klausen: Fotos Bildbeschreibung Konzept nach Worten später nach Sätzen.

Was bedeutet Isolation für dich? 

Der Begriff Isolation ist für mich mit dem Hochsicherheitsknast, also mit Gefängnis, verbunden und das ist für mich mit der momentanen Situation nicht zu vergleichen. Zu Zeiten, in denen ich mich um politische Gefangene kümmerte, war Isolation die sogenannte weiße Folter, ich finde, gerade hier beginnt eine sprachliche Verwässerung, die das Gewicht von Worten existentiell banalisiert, die die aktuelle Situation maßlos überbewertet, das historische Maß scheint verloren gegangen zu sein.

Corona schränkte meine Aktivitäten aber auch insofern ein, dass ich alles auf meine Wohnung beziehen musste, ich hatte niemals aber das Gefühl von Isolation, nachdem ich auch weiterhin mit meiner Freundin und Assistentin zu tun haben konnte und über Telefonate mit allen anderen Freund:innen und Bekannten.

Was fehlt dir im Lockdown besonders? 

Mir als Blindem fehlt die Körperlichkeit und Anwesenheit des Gegenübers: das Zusammenspiel von Geruch, Hauch, Stimme, Gespür. Was fehlt, ist schlichtweg der Körper der Kommunikation. 

Was sind die angenehmen Seiten der Isolation? 

Nachdem ich mich immer mit Büchern CDs und DVDs versorgen konnte erzwang der Lockdown eine Konzentration, die mir die Möglichkeit bot, mein Denken und Nachdenken zu präzisieren. Dass ich mich mit Themen intensiver beschäftigte, die davor eher nebenbei mitliefen. Konzentration auf meine Selbstportrait wiederum bedeutete, eine ganz andere Intensität des Spürens meines Fotografierens zu erreichen, eine Schärfung meiner anderen Sinne, die mir dabei hilft, meine Arbeit selbst noch einmal wesentlich ausgedehnter, komplexer zu beurteilen.

Was sind Strategien, um in der Isolation zurecht zu kommen? 

Selbstbesinnung, Besinnung auf die eigenen Möglichkeiten, die eigenen Stärken und Kräfte, der Neugier in alle Richtungen hin nachgehen, um die eigenen bisherigen Grenzen zu sprengen oder wenigstens zu verschieben.

Bitte nenn drei Gegenstände, die dir während der Zeit der Isolation besonders wichtig waren, oder die du in deiner Wohnung gefunden oder wieder entdeckt hast.

Entdecken meiner alten Bücher neu durch das Vorlesen des Bestandes meiner Bücher –  Regalbrett um Regalbrett durch meine Assistentin. Ein wiederholtes Lesen scheinbar altbekannter Bücher. Da waren aber auch eine ganze Reihe von Büchern, die ich nicht fertig oder nur oberflächlich gelesen hatte, die ich noch einmal zur Hand nahm, etwa einige Bücher von Michel Foucault, zum Beispiel: „Die Sorge um sich“.

Da war aber auch ein älterer Recorder mit Player, der sogenannte Daisy Recorder PLEXTALK PTR 1, über den ich Werke von Thomas Mann und James Joyce mir in aller Ruhe anhören konnte, dazu intensiv Bemerkungen aufsprechend und reflektierend.

Ich habe mein uraltes analoges Radio vom Hängeboden geholt, weil sein Klang vom digitalen Radio nicht annähernd erreicht werden konnte und ich intensiv Radio gehört habe.

Gibt es eine neue Gewohnheit oder ein Verhalten, das dir in dieser Zeit geholfen hat? 

Die Steigerung der Intensität in allen meinen Handlungen und Arbeiten.

Welche Kommunikationswege nutzt du in der Isolation? 

Vor allem Computer, Zoom und Telefon, ich bin kein Freund von Social Media.

Hast du etwas Neues über dich gelernt? 

Durch die Konzentration auf meine Selbstportraits habe ich eine größere Sicherheit in der Beurteilung meiner eigenen Fotos als Blinder erworben.

 Gibt es etwas, das du nicht-behinderten Menschen sagen möchtest? 

 Glaubt bloß nicht, dass wir heulen.

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